Hinweis zum Text:
Dieser Text ist Teil unserer Reihe „Am Küchentisch“.
Es sind Gespräche, wie sie entstehen, wenn man älter wird –
wenn man leiser wird und genauer hinsieht.
Heute geht es um Silvester.
Und um das, was wir dabei oft übersehen.
Am Küchentisch – Teil 4
Wenn es draußen knallt
Der Tee steht schon länger auf dem Tisch.
Draußen ist es noch hell, aber man spürt es schon.
Dieser Tag hat eine Spannung.
Der Enkel schaut aus dem Fenster.
Enkel:
„Heute knallt es wieder, oder?“
Oma nickt langsam.
„Ja. Früher habe ich mich darauf gefreut.“
Sie sagt das ohne Bitterkeit.
Eher nachdenklich.
Enkel:
„Und heute?“
Oma legt die Hände um die Tasse.
Oma:
„Heute höre ich anderes dabei.“
Der Enkel schaut sie an.
„Was denn?“
Oma denkt einen Moment nach.
Oma:
„Angst.“
Der Enkel runzelt die Stirn.
„Aber das ist doch nur Lärm.“
Oma lächelt sanft.
„Für uns.
Nicht für alle.“
Sie zeigt mit dem Kopf Richtung Tür.
Oma:
„Als ich jünger war, waren Tiere für mich… Tiere.
Da hat man sie gemocht oder nicht.
Aber man hat nicht viel weiter gedacht.“
Der Enkel hört zu.
Oma:
„Erst als ich älter wurde.
Als es ruhiger wurde um mich herum.
Da habe ich gemerkt, dass sie fühlen.“
Sie sagt das schlicht.
Nicht belehrend.
Oma:
„Nicht wie wir.
Aber genug.“
Der Enkel denkt nach.
Enkel:
„Unsere Katze versteckt sich immer.
Unter dem Bett.“
Oma nickt.
„Weil sie nicht versteht, was passiert.
So wie wir Menschen auch – wenn etwas laut wird
und niemand erklärt es uns.“
Draußen knallt es zum ersten Mal.
Ein einzelner Knall.
Der Enkel zuckt zusammen.
Oma:
„Früher hat man gesagt, man vertreibt damit die Geister.“
Sie lächelt leicht.
„Heute verkauft man es einfach gut.“
Der Enkel schaut sie an.
„Findest du das falsch?“
Oma schüttelt den Kopf.
Oma:
„Nein.
Ich finde es nur… unbedacht.“
Sie lehnt sich zurück.
Oma:
„Manches machen wir, weil es Tradition ist.
Und manches, weil es jemand daran verdient.
Und ganz selten fragen wir:
Was macht das eigentlich mit denen, die keine Wahl haben?“
Der Enkel ist still.
Enkel:
„So wie Tiere.
Oder kleine Kinder.“
Oma nickt.
Oma:
„Oder Menschen, die allein sind.
Oder krank.
Oder einfach müde vom Lärm der Welt.“
Ein weiterer Knall.
Weiter weg diesmal.
Enkel:
„Aber manche mögen Feuerwerk.“
Oma lächelt.
Oma:
„Ja.
So wie manche Menschen laute Worte mögen.
Und andere leise.“
Sie schaut ihn an.
Oma:
„Reife heißt nicht, alles abzulehnen.
Reife heißt, mehr zu sehen.“
Der Enkel denkt nach.
Enkel:
„Also könnten wir feiern…
und trotzdem Rücksicht nehmen?“
Oma lächelt jetzt richtig.
Oma:
„Genau das.“
Sie steht auf und schaut noch einmal aus dem Fenster.
Oma:
„Wenn man verstanden hat, dass Tiere fühlen –
dann versteht man auch besser, warum Menschen manchmal so reagieren, wie sie reagieren.“
Der Enkel nickt langsam.
Enkel:
„Vielleicht sollten wir heute einfach hierbleiben.“
Oma legt ihm die Hand auf den Arm.
Oma:
„Am Küchentisch ist es ruhig genug, um zu denken.“
Draußen knallt es wieder.
Drinnen bleibt es still.
Was dieser Teil zeigt
Manche Dinge versteht man erst,
wenn man langsamer wird.
Respekt beginnt nicht bei Verboten,
sondern bei Wahrnehmung.
Und manchmal reicht ein Gespräch am Tisch,
um die Welt ein kleines Stück leiser zu machen.
Fortsetzung folgt.

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