· 

Wenn draußen alles verrücktspielt

Am Küchentisch – Teil 5

Der Fernseher läuft im Hintergrund.
Nicht laut. Aber laut genug.

Nachrichten.
Orte, die man kaum aussprechen kann.
Gesichter, die ernst schauen.

Oma steht auf und drückt den Knopf.
Stille.

Enkel:
„Warum machst du den aus?“

Oma setzt sich wieder an den Tisch.

Oma:
„Weil ich sonst vergesse, wo ich bin.“

Der Enkel runzelt die Stirn.
„Aber man muss doch wissen, was in der Welt passiert.“

Oma nickt.

Oma:
„Ja.
Aber man muss auch wissen, was es mit einem macht.“

Die Mama rührt in ihrem Tee.

Mama:
„Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt steht kurz vor dem Explodieren.“

Oma lächelt schief.

Oma:
„Das Gefühl kenne ich.
Das hatte jede Generation.“

Enkel:
„Aber diesmal ist es doch schlimmer, oder?“

Oma überlegt.

Oma:
„Anders.
Nicht schlimmer.“

Sie lehnt sich zurück.

Oma:
„Früher hat man die Welt im Dorf gespürt.
Heute sitzt sie im Wohnzimmer.“

Mama:
„Und im Handy.
Und im Kopf.“

Oma:
„Weißt du, was das Gefährliche ist?
Nicht das Chaos draußen.“

Enkel:
„Was dann?“

Oma:
„Dass wir anfangen, es hier reinzuholen.“

Sie tippt mit dem Finger auf den Tisch.

Oma:
„Wenn wir müde sind, werden wir hart.
Wenn wir Angst haben, werden wir laut.
Und wenn wir nichts mehr verstehen,
suchen wir Schuldige.“

Enkel:
„Und was machen wir dann?“

Oma lächelt.

Oma:
„Wir machen das Einzige, was immer geholfen hat.“

Mama:
„Was denn?“

Oma:
„Wir setzen uns hin.
Wir trinken etwas Warmes.
Und wir reden so,
als würden wir uns behalten wollen.“

Enkel:
„Also nicht über alles streiten,
was wir nicht ändern können?“

Oma:
„Genau.
Und dafür gut auf das achten,
was wir verändern können.“

Mama:
„Dann ist der Küchentisch so etwas wie …
ein Schutzraum?“

Oma:
„Nein.
Ein Trainingsplatz.“

Enkel:
„Für später?“

Oma:
„Für alles, was noch kommt.“

Draußen fährt ein Auto vorbei.
Irgendwo läuft wieder ein Fernseher.

Hier nicht.

Der Küchentisch bleibt ruhig.


Was dieser Teil zeigt

Die Welt wird nicht leiser,
nur weil wir hinschauen.

Aber wir werden leiser,
wenn wir wissen,
wo wir hingehören.

Fortsetzung folgt.
(Teil 6: Wenn man merkt, dass Ruhe kein Rückzug ist.)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0